Wie uns ein Spatz zum Nachdenken brachte

Spatz auf schwankendem Ast

Sperling im zeitigen Frühjahr bei uns im Garten – Die Urlaubsbekanntschaft aus unserer Geschichte ließ sich nicht fotografieren

Eine Urlaubsbekanntschaft

Vor einigen Jahren waren wir an der Ostsee. Es waren die ersten wärmeren Tage des Frühlings, die Sonne lachte und wir hatten Urlaub. So saßen wir morgens auf unserer kleinen Terrasse des Hotels und planten unseren Tag.

Plötzlich flatterte ein kleiner Spatz auf den Terrassenzaun. Vorwitzig hüpfte er vor uns herum und tschilpte herausfordernd. „Nichts zu tun? – Nichts zu tun?“ Er putzte seinen Schnabel und musterte uns mit seinen schwarzen Kulleraugen. Wir blätterten derweil in unseren Wanderkarten. „Tschii-ilp. Nichts zu tun? Habt wohl frei?“ forderte er uns energisch heraus.

Er zwitscherte uns seine Sorgen zu: „Ich habe es nicht so gut wie ihr. Der Winter war kalt. Ihr habt warme Wohnungen.“

Dann setzte er noch einen drauf. „Einfach so in einen Laden gehen und essen kaufen. So einfach, so einfach, tschii-ilp.“  Ich hatte noch ein altes Brötchen vom Vortag und warf ihm einige Krumen hin. „Na endlich!“

Erst nach einer ganzen Weile bemerkten wir, dass unser Spätzchen nur ein Bein hatte. Für unseren übermütigen Spatz war das kein Handicap, dass ihn störte. Er sprang vielleicht etwas langsamer herum als seine anverwandte Spatzenvogelschar, die laut im Gebüsch zwitscherte. Vielleicht hatte er auch Schmerzen. Er ließ es sich nicht anmerken.

Er war mutig. Er traute sich zu den riesigen Menschen, erzählte von seinen Problemen und bat sie um Hilfe. Was er vielleicht durch sein Handicap nicht bewältigen konnte, schaffte er mit Liebenswürdigkeit und einen Schuss Humor. Wie all seine gefiederten Freunde war er wohlgelaunt und genoss die wärmenden Strahlen der Sonne.

Tags darauf kam er wieder. Vorsorglich hatten wir ein paar Sonnenblumenkerne vom reichhaltigen Frühstücksbüffet mitgebracht. Stolz präsentierte er die Geschenke seinen „Leuten“ und verteidigte sie ebenso vehement. Spatzen sind Meister im Streiten. Unser kleiner einbeiniger Spatz gab sich nicht so schnell geschlagen. „Tschii-ilp“ saß er stolz wieder auf der Brüstung und putzte sein staubiges Gefieder. „Bekomme ich noch Nachschlag?“

Das ging so ein paar Tage und wir freuten uns jedes Mal, wenn er angeflogen kam und seine „Frühstückchen“ entgegennahm.

Eines Tages kam er nicht mehr. Es war seltsam, war er uns doch ans Herz gewachsen. Wir machten uns Sorgen. War er doch nicht so schnell mit seinem Handicap, um beim Ergattern der jetzt im Frühling noch spärlichen Samen genügend abzubekommen? Hat ihn gar eine Katze erwischt? Unsere Körner blieben unbeachtet.

So vergingen einige Urlaubstage. Während unserer Strandwanderungen dachten wir oft an unseren kleinen Schnorrer. Jeden Morgen beobachteten wir die frechen Spatzen auf der Wiese und in den Sträuchern. Und immer wieder nahmen wir Ausschau nach einem kleinen einbeinigen Spatz.

„Tschii-ilp, Tschii-ilp.“ Da saß er wieder, kaum ein Meter vor uns auf der Brüstung und bettelte um ein paar Körner. Waren wir glücklich. Es war nichts passiert.

Oder vielmehr doch. Ganz freudig erzählte er von seinem neuem tollen Mädel und das sie schon beide fleißig beim Nestbau sind. „Viel zu tun. Viel zu tun.“ Und irgendwann hätten sie kleine Spätzchen und das Leben ist schön. Ganz aufgeregt und frühlingsglücklich war er. Unser kleiner Spatz mit einem Bein, der schafft das schon!

Handicap-Blogger

Manchmal ist es schwierig, sich in die Welt von Menschen mit Handicap hineinzuversetzen. Wir wissen meist nicht, mit welchen Schwierigkeiten sie in ihrem Alltag klarkommen müssen. Aber wie du und ich erleben sie das Leben auch mit Alltäglichem, mit ganz normalen Kleinigkeiten, Freuden oder Sorgen.

Bei unseren Recherchen sind wir mittlerweile auf viele Blogger getroffen, die von ihrem Handicap oder von ihren Krankheiten in ihrem Blog berichten. Oder wir erleben diese Geschichten aus der Sicht eines Angehörigen.

„Wheelies Bloggeblubber“

Heute wollen wir euch Wheelie mit ihrem Blog justdisabled vorstellen. In unserem Interview berichtet sie von ihren Erfahrungen als Bloggerin.

1 | Hi, stell Dich doch bitte unseren Lesern ein wenig vor. Wer bist Du und was für einen Blog betreibst du?

Das lila Logo vom Blog justdisabledIch bin Wheelie, 16 Jahre alt und habe eine Gehbehinderung, verursacht durch eine Gehirnblutung nach der Geburt. Auf justdisabled blogge über mein Leben mit Behinderung und alles, was so bei mir passiert und was mir wichtig ist.

2| Du bloggst seit Dezember 2015. Wie bist du auf diese Idee gekommen?

Es begann alles mit meiner Facebook-Seite, die im April 2015 startete. Mir stand eine große OP bevor und ich schrieb, um meine Angst etwas zu bewältigen. Als ich dann im Krankenhaus lag, wollte ich einen Blog starten, hatte aber aufgrund der langen Rehaphase keine Zeit dafür. Dennoch verlor ich das Thema „Blog“ nicht aus den Augen und startete, als wieder Ruhe eingekehrt war, justdisabled.

3| Aller Blogger-Anfang ist schwer. Vielleicht erzählst  du uns ein wenig von Deinen Anfängen.

Screenshot vom Blog Wheelie erläutert die Namensfindung ihres BlogsDer Anfang war recht schwierig: Meine Beiträge hatten kaum Reichweite und mein Schreibstil war noch nicht ausgereift; ich kannte mich in der Bloggerszene nicht aus und kämpfte zusätzlich noch mit einer üblen Internetverbindung (das tue ich übrigens immer noch – Dorfleben). Doch es hat sich gelohnt. 🙂

4| Blogspione interessiert sich, wie Blogger ihre Blogs technisch aufbauen. Welches WordPress-Theme hast du ausgewählt? Was hat dich bewogen, gerade dieses Theme für deinen Blog zu nutzen?

Ich nutze das „Independent Publisher“-Theme und habe Farbe und Schriftart noch etwas verändert. Ich mag dieses Theme, weil es schlicht und doch nicht langweilig ist.

5| Wie bereitest du deine Beiträge vor? Planst du im Voraus oder geht es ganz spontan? Und wie oft bloggst du?

Ich blogge meist spontan. Anders funktioniert das bei mir oft gar nicht. Durch die Schule bin ich derzeit nicht in der Lage, regelmäßig zu bloggen. Aber ich bemühe mich, mindestens einmal im Monat etwas zu schreiben und hochzuladen.

6| Wie kommst du auf deine Geschichten?

Puh, schwierige Frage. Meist entstehen die Geschichten, wenn ich etwas erlebt habe. Alles, was ich über mich selbst schreibe, ist wahr. Ich erzähle aus meinem Leben.Screenshot vom Blog „Rollstuhltanz - mein Hobby!"

Sreenshot vom Blogbeitrag „Der altbekannte Schulstress"

Ganz normaler Alltag.

7| Was war dein bislang erfolgreichster Artikel? Und welcher Artikel kam bei den Lesern gar nicht an?

Sreenshot vom Blog „Die lieben Ärzte - und ich"

Einer der erfolgreichsten Artikel bisher, war „Die Meinung der Anderen“, in welchem ich wirklich meine Gefühle verarbeitete, nachdem meine Ärztin mich aufgrund meines Berufswunsches niedergemacht hatte. Meine ersten paar Beiträge kamen gar nicht an…die waren auch langweilig, muss ich zugeben.

8| Du nutzt auch andere Social-Media-Plattformen wie Facebook und Twitter. Wie wichtig ist das für dich und deinen Blog?

Ich nutze die Social-Media-Kanäle hauptsächlich, um mit meinen Lesern in Kontakt zu bleiben und mich mit ihnen auszutauschen. Natürlich bringt das auch eine gewisse Reichweite mit sich, die ist aber eher Nebensache.

9| Dein Blog hat aktuell die 100-Follower-Marke geknackt. Herzlichen Glückwunsch. Was hast du unternommen, um mehr Leser zu bekommen?

Danke erstmal für den Glückwunsch! 🙂 Für die vielen Leser habe ich gar nicht so viel getan. Ich folge vielen Blogs, die mir gefallen. Die folgen mir mitunter auch zurück. Aber auch meine Social-Media-Ausbreitung scheint nicht gerade wenig dazu beigetragen zu haben. Anders kann ich mir das alles nicht erklären. Auf jeden Fall hat es mich überrascht und umgehauen, als mir plötzlich 100 Follower angezeigt wurden. Damit hatte ich nie gerechnet.

10| Was bedeuten für dich die Kommentare deiner Leser?

Sehr viel. Sie bauen mich auf, wenn es mir mal nicht gut geht, motivieren mich, weiterzumachen, wenn ich manchmal an dem, was ich tue, zweifele und zaubern mir gelegentlich ein Lächeln ins Gesicht.

11| Liest Du selbst Blogs und welche würdest du empfehlen?

Ja, sogar relativ viele. Wirklich empfehlen kann ich diese 11 Blogs:

12| Was planst Du zukünftig für Deinen Blog?

Ich werde dieses Jahr im Sommer erstmals für und wegen dem Blog eine Veranstaltung besuchen. Verraten kann und will ich noch nicht zu viel, aber ich kann schon mal sagen, dass es cool wird. Sonst lasse ich alles auf mich zukommen und schaue, was mir die Zukunft bringt.

(P.S. Mittlerweile hat Wheelie in ihrem Blog berichtet, wohin es geht. Super. Da wünschen wir ganz viel Spass und Erfolg. Hier könnt ihr mal reinschauen.)

13| Bist du viel im Internet unterwegs oder gibt es auch Zeiten, in denen du offline bist?

Durch die Schule lege ich oft „Internet-Pausen“ ein und versuche, nicht so oft online zu sein. Das gelingt mir aber eher selten, weil ich auch vieles über das Internet regele. Dennoch gibt es auch Tage, wo ich gar nicht online bin und mal ein Buch lese.

14| Gibt es noch andere Themen, über die Du gerne bloggen würdest?

Ich würde gerne mal über Medizin, Psychologie und über Chancengerechtigkeit bloggen, weil das – neben Inklusion – meine größten Interessengebiete sind. Wenn ich das mal mache, werde ich mir dafür aber Profis ins Boot holen.

Sreenshoot vom Blogbeitrag „Kleiner Aufruf"

Bei Justdisabled geht es auch immer um Gerechtigkeit und Inklusion – Hier ein Aufruf zur Unterstützung für andere im Kampf gegen Bürokratie und Gleichmut

15| Was würdest du Blog-Anfängern für einen Tipp mit auf den Weg geben?

Ich rate jedem Neu-Blogger, sich nicht zu verstellen! Viele Menschen mögen Natürlichkeit. Sei du selbst, sage (und schreibe), was du denkst. Außerdem sollte man gut mit Kritik umgehen können, denn nur, wenn Kritik beherzigt wird, kann man auch wirklich was ändern. Als letzten Ratschlag gebe ich mit, am Anfang keine zu hohen Anforderungen bezüglich der Zahl der Aufrufe, Likes oder Follower zu haben. Das bricht einem das Genick. Freue dich über jeden Einzelnen, dem gefällt, was du machst. Und habe Spaß am Bloggen.

Durch Wissen und Verstehen Grenzen überwinden

Bei allen Dingen im Leben benötigen wir Klugheit und Menschenverstand. Um Menschen mit Handicap zu verstehen, sind wir auf Informationen und Erfahrungen angewiesen.

Ich arbeite in meinem Job mit hörgeminderten Menschen zusammen. Durch Gespräche und beidseitige Erlebnisse können wir uns in den anderen hineinversetzen.  Da ist nichts fremd oder anders. Nur das Hören ist ein anderes.

Um Barrieren zu überwinden, helfen Blogs wie der von Wheelie. Wir begleiten Wheelie durch schlimme Krisen hindurch und erleben ihre Wut und ihre Angst. In ihrem Blog schreibt sie frei heraus und nutzt die Chance, es für sich zu verarbeiten.

Wir erleben aber auch die schönen Seiten, ihre Hoffnungen und Zukunftspläne. Sie wagt sich vorwärts. Und wir dürfen sie dabei begleiten. Das ist ein ungeheures Vertrauensverhältnis. Nicht jeder ist so mutig, sich Fehler oder Unzulänglichkeiten einzugestehen und darüber öffentlich zu schreiben. Dabei gehören diese zu unserem Leben und sind so normal.

Wheelies Blog ist so liebevoll geschrieben. Dass eine Behinderung kein Zuckerschlecken ist, wissen wir von unserem kleinen Spatz. Aber er kämpft sich durchs Leben und weiß, wo er sich Hilfe suchen kann. Bei Menschen, die ihn verstehen, wenn er von sich erzählt.

Über den Tellerrand schauen, und diesen wirklich begreifen – das schafft dieser Blog. Wir haben viel aus Wheelies Geschichten gelernt. Deshalb ist justdisabled ein ganz besonderer Lesetipp für euch.

Wir danken Wheelie für die Interviewgelegenheit und wünschen ihr für ihren Blog weiterhin viele interessierte Leser und privat eine glückliche Zukunft.

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5 Gedanken zu „Wie uns ein Spatz zum Nachdenken brachte

  1. welch wunderbare Blogvorstellung 🙂 Ich mag Wheelies Blog auch sehr sehr gerne. An dieser Stelle auch ein Riesendanke an Wheelie für die lobende Erwähnung. Ich fühle mich wirklich geehrt! Ich wünsche euch beiden tolle Ostern!

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  2. Pingback: Willst du Hacker, E-Sportler, YouTube-Stars und Roboter treffen? | Blogspione

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